Die Geschichte mit der Mur, oder: La Mur, pur.
- Was ist die Mur?
- Was tut sie?
- Wen juckt’s?
Soziale Trennlinie Mur
verfasst von Joachim Hainzl
Noch 1878 meint der Grazer Chronist Janisch 1878 über Graz: Es bestünden “hier gleichsam zwei Städte, nur durch den Fluss geschieden, deren Bevölkerung nicht leicht von einer Seite auf die andere übersiedelt.” Während die Bürgerfamilien am linken Murufer, in welchen “ein klarer religiöser Sinn und sittlicher Anstand jede Unmoralität ferne hält und Frohsinn und Gesundheit über Alles die Herrschaft üben “ lebten, sehe es auf der anderen Flussseite anders aus. “Als Folge großer Unreinlichkeit, feuchter Wohnungen und schlechter Nahrung” gebe es hier eine höhere Sterblichkeitsrate.
Neben ihrer Trennungswirkung in physischer Form, kommt der Mur daher bis heute eine hohe symbolische teilende Funktion zu. Die alten Murvorstädte Lend und Gries etwa sind jene mit dem höchsten Anteil an MigrantInnen (was neben dem Zuzug aber auch stark mit dem Wegzug von NichtmigrantInnen zu tun hat, sieht man sich die Entwicklung der absoluten Bevölkerungszahlen dieser Bezirke in den letzten Jahrzehnten an).
Die Mur ist hier aber nicht eine Trennlinie zwischen Ethnien oder Religionen sondern vielmehr immer noch eine, die bedingt ist durch Unterschiede im sozialen Status, in der Einkommenssituation und dem Ausbildungsstand. Diese Unterschiede in der „Software“ der BewohnerInnen äußern sich auch in der/bedingen sich auch durch die „Hardware“. Das rechte Murufer war städteplanerisch reserviert für Arbeit, Gewerbe und die überregionalen Verkehrswege. Grüne Innenhöfe – typisch für die bürgerlichen gründerzeitlichen Wohnviertel – fehlen hier daher. Neben dem bürgerlichen Wohnbereich beherbergte das linke Murufer seit je die Zentren der ökonomischen, religiösen, ausbildnerischen und politischen Macht.
Wie, so könnte man fragen, passen hier aber die neueren Entwicklungen hinein wie Kunsthaus, Rondo, neues Bahnhofs(einkaufs)zentrum, Fachhochschule und Reininghausgründe?
Hier zeigt sich klar eine Tendenz, welche modern ausgedrückt eine Gentrifizierung darstellt (wobei ich meine, man könnte es auch „Centrifizierung“ nennen). Gentrifizerung leitet sich ab vom englischen „gentry“ (für den niederen Adel) und drückt damit u.a. eine ökonomisch gedachte Strategie des Stadtmarketings aus. Dabei wird die Stadt vermehrt betrachtet aus den Augen und gestaltet nach den Wünschen von TouristInnen und InvestorInnen.
Vormals ärmlichere und sozial als randständig betrachtete städtische Gebiete werden ver-edel-t, indem sie hoch-saniert werden nach dem Vorbild der Zentren mit ihren Kulissenlandschaften samt strenger Verhaltensnormierungen von Sauberkeit und Sicherheit (um jetzt nicht zu einseitig zu wirken: es soll hier nicht um die romantische Idyllisierung von Armut oder veralteter Infrastruktur gehen. Es gilt sich jedoch zu fragen, wie eine „Modernisierung“ von zentrumsnahen Stadtteilen funktionieren kann, die auch möglichst viele der derzeitigen BewohnerInnen davon profitieren lässt und möglichst wenige in Zukunft verdrängt).
Zu Beginn der Gentrifizierung werden Brückenköpfe ausgebildet bzw. moderne Inseln, welche dann auf die Umgebung ausstrahlen (sollen). Aktuell geht es daher darum, beginnend vom Brückenkopf Kunsthaus eine Achse zu schlagen über die neu gestaltete Annenstraße, über den Knotenpunkt Bahnhof-Neu und über den Boulevard der Eggenberger Allee mit den Knoten Fachhochschule, Reininghausgründe und Auster bis hin zum Weltkulturerbe des Eggenberger Schlosses.
Und jene, die aktuell in diesen Gebieten wohnen? Das linke Murufer steht ihnen ebenfalls nicht zur Verfügung, da – um hier bewusst das Reizwort zu verwenden – die Parallelgesellschaften in ihren Villenvierteln bzw. grünen Stadtrandbezirken alleine schon durch die Grundstückspreise exkludierend wirken (was etwa bedingt, dass Gemeindewohnungen zum Großteil sich am rechten Murufer befinden).
Die Mur wird daher mit der Zeit durch diese Binnenkolonialisierung der „Bürgerfamilien“ und deren „Frohsinns“ seine Trenn- und Grenzfunktion teilweise verlieren. Neue soziale Trennlinien tun sich bereits jetzt auf – etwa zwischen verkehrsberuhigten und lärmgeplagten Wohngegenden, zwischen jenen die stark bzw. schwach sind an Infrastruktur. Es wird noch mehr zu Konzentrationen von armutsgefährdenden Menschen in Stadtteilen, Straßenzügen bzw. Siedlungen kommen und dadurch zu einer Verschärfung von Konfliktlagen bzw. einer Stigmatisierung dieser Bereiche. Die soziale Trennlinie wird jedoch vielmehr über Herkunft oder Religion definiert werden und diese Bereiche werden dann „Ghettos“ bzw. Scherbenviertel genannt werden und der Ruf nach ihrer Sanierung wird laut werden.
Insofern gilt es, neben allen gestalterischen Maßnahmen in, an und um die Mur auch die symbolischen Funktionen des Flusses als urbanes stadtgeographisch prägendes Element in die Überlegungen miteinzubeziehen und hier die Mur neu zu denken und damit auch neues Denken über die Stadt und Urbanität zu ermöglichen.
Die Kraft des Wisdom Council!
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| Johannes (re) im Gespräch mit Tammo. |
wurde verfasst von Johannes Frühmann
Gerne bin ich Mitte Mai der Einladung von Tammo Trantow gefolgt, um im Auftrag der Creative Industries Styria gemeinsam mit Querdenkern, Visionären und sonstigen Menschen mit Flausen im Kopf über die Beziehung von Menschen zu ihrem Fluss – die Grazer/innen und die Mur – nachzudenken und Ideen zu spinnen. Design Thinking heißt das in der Fachsprache. Ein toller Prozess mit interessanten, vielleicht auch provozierenden Outcomes. Eine der zentralen Fragen: Wie schafft man überhaupt Identität? Die Antworten waren so unterschiedlich wie die Teilnehmer. Und genau da setzt das Wisdom Council an. Aus dem Potential der Unterschiedlichkeiten Lösungsvorschläge entwickeln.
Die Idee des Wisdom Council
Ein Wisdom Council ist ein Instrument der BürgerInnenbeteiligung, das sich insbesondere eignet, um
- Bedürfnisse auszuloten und neue Ideen zu generieren,
- Lösungsvorschläge für kontroverse Themen entwickeln,
- strategische Planungen und Leitbilder zu entwickeln,
- große Projekte gemeinsam vorzubereiten und zu verbessern,
- BürgerInnen zu aktivieren und Engagement zu stärken.
Im Normalfall werden 12-16 Menschen durch Zufall aus einer Region / Gemeinde / Organisation ausgewählt. Damit ist eine größtmögliche Diversität zu erwarten – die die gesellschaftlichen Unterschiede im Prozess widerspiegelt. Die Gruppe trifft sich für 2 Tage. Die Themen werden durch die Gruppe am Beginn selbst ausgewählt. Auch eine externe Themenvorgabe (z.B. Pläne für ein Murkraftwerk ; ) ist möglich, dann heißt das Ganze Creative Insight Council.
Ideen-produktivität
Der gesamte Prozess wird durch zwei Moderatoren begleitet. Dynamic Facilitation ist dabei die wichtigste Methode. Auf vier parallelen Flipcharts werden alle Aussagen notiert:
- Herausforderungen: Problemdefinitionen, “Wie können wir …”
- Lösungen: jegliche Idee für eine Lösung des Problems, einer Überwindung der Herausforderung
- Bedenken: Einwände für Lösungsvorschläge – verbunden mit der Frage, welche Verbesserung sich dadurch für einen Lösungsansatz bietet
- Allgemeine Informationen: zum Thema, Wichtiges auf dem Weg zu Lösungsvorschlägen.
Dadurch führt das Format der Dynamic Facilitation die Gruppe in einen intensiven Prozess der Ideengenerierung, schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre, lässt alle zu Wort kommen und dokumentiert den gesamten Weg auf den Flipcharts. Die klassischen Unterteilungen in Problemdefinition, Brainstorming und Beurteilung verschwimmen, jederzeit können neue Ideen eingebracht werden, jederzeit kann sich die Problemdefinition durch neue Erkenntnisse verändern. Die Gruppe dringt tiefer zum Kern des Themas vor – gleichzeitig bleibt dieser Weg auch später nachvollziehbar. Ein scheinbar chaotischer Prozess mit enormer Ideen-produktivität – nicht umsonst wird Dynamic Facilitation auch als Moderationsformat der Quantenphysik bezeichnet. Nach dem ersten Tag sind die Wände meist mit Flipcharts austapeziert.
Was kommt raus … und was passiert damit?
In den letzten Stunden des Wisdom Council werden die wichtigen Themen identifiziert, die besten Ideen destilliert und Kernaussagen formuliert. Danach erfolgt idealerweise eine Abendveranstaltung mit großem Publikum zur Ergebnispräsentation. Ein anschließendes World Cafe gibt den Gästen gleich die Möglichkeit sich aktiv mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen. Und die TeilnehmerInnen erfahren Wertschätzung für ihr Engagement – ein zentraler Punkt.
Der weiteren Verbreitung sind keine Grenzen gesetzt: Eine Resonanzgruppe bringt die Ergebnisse in politische Prozesse ein, Medien informieren eine breitere Masse, Künstler schaffen Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, etc.
Idealerweise ergibt sich ein regelmäßiger Prozess: Jährliche Wisdom Councils zeigen aktuell wichtige Themen auf, stimulieren ein Nachdenken über das ‘Wie des Miteinander’ und säen Engagement und Identität … auch DU könntest schon beim nächsten Mal durch die Zufallsauswahl zum Teilnehmer werden.
Die Identität eines Flusses.
Aus den in der ersten Workshop-Phase Clustern „La Mur – Kunst und Kultur“, „Transport“, „Städtebauliche Errungenschaften“ und „Identität“ kristallisiert es sich sehr schnell heraus, dass uns die Identität unseres Flusses am ehesten ein Anliegen sein sollte. Tammo gab dazu den Denkanstoß und Joachim meint dazu sehr treffend: „Zuerst über die Identität nachdenken und dann bauen.“ Klingt sehr vernünftig und könnte auch in Graz öfters angewendet werden. Und natürlich, an diesem Design-Thinking-Tag soll nicht bloß ein Schiff erdacht werden, sondern der ganze rauschende Ozean erfunden werden, aber in Echt!
Identität also. In einer flotten, abwechslungsreichen Anfangsrunde werden Pfosten eingeschlagen. Die Mur sollte sich rare machen, kommt ein Einwurf, „durch Entbehrlichkeit wertvoll machen“, meint Christian, frei nach dem Motto „Brücken verbrennen, Mur verstecken!“ Sehr gut, aber es ist ja nicht so, dass es keine Fortschritte gäbe, meint Andreas. „Mursurfer hätte es vor 20 Jahren keine geben dürfen.
Andreas bleibt gleich beim Sport und meint, dass „Paddeln an der Mur bringt mehr Identität als die ganze Murpromenade.“ Wenn man bewusst mit Grünraum umgeht, hebt dies die Bedeutung des Ortes. „Gstätten oder Zentralpark, man muss sich nur entscheiden“, meint Andreas. Christan fokussiert hier die Identität: „Wo möchte ich hin, was will ich erlebbar machen!“ Andi erinnert sich an ein Erlebnis zurück, das er in der albanischen Hauptstadt Tirana hatte. Durch Tirana geht ein relativ schmuckloser Kanal, der nach seiner Neugestaltung und der Belebung des Umfelds mittlerweile zu einer Imageanhebung der Stadt beiträgt.
Alle sind sich in einem Punkt einig: „Die Mur ist die Trennlinie der Identitäten in Graz. Linkes Murufer reich, rechtes eher arm, zumindest historisch gesehen.“ (Übrigens, eine starke Leistung für einen Fluss, den man nicht sieht.) Sodann werden wir in zwei Gruppen eingeteilt, um ein bisschen die Murnockerln zur Seite schieben, denn wer weiß, vielleicht taucht sie ja plötzlich auf, die Identität.
Stimmt, und ich führe heute durchs Programm, martin G. Wanko mein name, danke, dass Sie dabei sind!
Im Namen der Mur, oder warum Graz ein Gefängnis ist.
Gruppe 1: Andreas, Christian und Joachim.
Christan spielt sich mit den Wörtern. Über die Buchstabendoppelung in Graz und Mur bzw. Graz und Mua kommt er zu dem gar nicht so unglücklichen Resultat, dass schon eine kleine Namenskorrektur „Graz an der Mur“ dem Fluss mehr Gesicht geben würde. Darauf meint Andreas, dass neben dem Murnockerl nur noch murzu einmal geläufig war, grazerisch als „muazua“ ausgesprochen. Man lebe „muazua“, bei der Mur, also nicht sehr gut, wie auch aus den Erklärungen von Joachim am ersten Tag sehr gut ersichtlich ist. Es gibt aber auch einen Aufwärtstrend zu erkennen: Murinsel zum Beispiel, oder Mursurfer, Wörter die der Mur mehr Dynamik bringen, oder auch Krach: Wie das Murkraftwerk zum Beispiel. Hier fehlt Christian wieder das mythische Element. Die Linzer haben das mit der Donau geschafft.
Gruppe 2: Andi, Johannes und Martin:
Die zweite Gruppe geht es analytisch an: Was bewegt Graz? „Hier muss man herausfinden, ob links der Mur die gleichen Bedürfnisse sind, wie rechts der Mur“, meint Johannes. Ein gut erprobtes System, das zum Beispiel in Vorarlberg sehr gerne angewendet wird, ist das „Creative Council“. Das CC ist eine Art schöpferisches Kollegium. Hierbei treffen Menschen aufeinander, die auf der Suche nach Lösungen für ein Problem sind. So ein „Creative Council“ zieht darauf ab, sich unter gewissen Bedingungen einer Herausforderung zu stellen und auf dem Weg dorthin den auftauchenden Problemen Lösungsvorschläge zu unterbreiten und so ans tatsächliche Ziel zu kommen. Wichtig: Das Ding funktioniert. Noch wichtiger: Man sollte es ernst meinen.
Also Graz wäre ein großes Gefangenenhaus, möchte ich hier sehr gerne dazu sagen, aber prinzipiell hat die Gruppe 1 Recht. In Anbetracht vom Panoptismus, ein Modell des französischen Philosophen Michel Foucault, der den Entwurf des perfekten Gefängnisses auf die Gesellschaft reflektierte, schaut das in Graz nun so aus. Vom Rathaus hört und sieht man (fast) alles, dort wo man nichts sieht, oder hört entsendet man Ordnungswachen, wie beispielsweise hinunter zur Mur. Nennen tut man das alles „Haus Graz“ und Christoph ist erstaunt und erfreut erstmals etwas mit dem Begriff „Haus Graz“ anfangen zu können. Durchaus aufschlussreich, denn so verwandeln sich zum Beispiel die seinerzeitigen Vierteln der Handwerksbetriebe Lend und Gries zu Kreativvierteln. Dazu Joachim: „Wir produzieren nix mehr, wir sind eh nur noch kreativ!“ Peng, und das sitzt!
In der Gruppe 2 war man ebenfalls einen Schritt weiter. Ein Wisdom Council gehört her, ein Weisenrat, sozusagen, und jetzt mal runtergebrochen auf unsere Verhältnisse: Ein BürgerInnenrat. Ein Mur Council. Ok, langsam nimmt das Form an, am Anfang dachte ich immer an The Style Council, die Soulfraktion des damaligen enfant terrible der britischen Popszene Paul Weller, aber jetzt macht die Mur die Musik und da fällt mir ein ganz einfaches Beispiel ein, wie so ein Mur Council funktionieren könnte:
Dialog-Beispiel:
A: Warum haben die Grazer so wenig Gefühl für die Mur?
B: Weil man die Mur nicht sieht.
A: Dann müssen wir die Mur heben.
B: Geht schwer.
A: Dann müssen wir den Grazer zur Mur bringen.
B: Passt!
Das war jetzt nur ein kleines Beispiel, aber so in etwa schaut’s aus!
Wir bauen ein Haus, aber ziemlich verbindlich!
In der Gruppe 1 höre ich nun die unfassbar geniale Wortschleuder: Erlebnisorientierte Nasszellenkur oder Kultur! Auf alle Fälle ist hier nicht das Folterinstrument gemeint, sondern, man ist bei der Wurzel allen Übels angelangt, der Murinsel. Obwohl sich 2003 die Meinungen splitteten, ist man sich doch heute doch schon um einiges einiger: Jetzt ist sie da, die Murinsel, jetzt müssen wir mit ihr etwas anfangen.
Gruppe 1 meint bei ihrem Trip durch das „Haus Graz“ nämlich folgendes: Die Mur mutierte mittlerweile vom Düsterkanal zum (zukünftigen) Wellnessbereich. Und das Schatzi drauf, die Murinsel, das müsste der Whirlpool sein, aber dem ist halt nicht so. Der Whirlpool funktioniert nicht so wie prognostiziert und wurde vom Wunderwutzi (Alleskönner) zum Sorgenkind (Muschelschleuder). Christian ortet hier ein allgemeines Problem: „In Graz wurde ein jedes Lokal durch seine Renovierung zerstört. Außer der Frankowitsch. Ein Grazer Problem ist nämlich die Geschmacklosigkeit.“
Gruppe 2 befindet sich vollkommen zu Recht auf der uferverbindenden Identität: Ein Setting muss geschafft werden, wo Menschen gerne antworten. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Hier braucht es dann eine Rückendeckung von der Stadt oder einer gewichtigen Organisation. Also keine Interviews mit vorgehaltener Kamera. Die mit Stichproben ausgesuchten Teilnehmer dürfen nicht manipuliert werden. Und vor allem muss das Mur Council ernst gemeint sein. Sonst denkt niemand gerne nach und alle reiben sich an einander auf. Dabei herauskommen kann schon was, immerhin ist das Vorbild für die Councils die Erstellung der US-Verfassung, die nach so einem Prinzip erstellt wurde und heute noch immer auf ihren Grundfesten steht.
Worauf alle kamen, war auch klar: Identität kann nur auf verbindlichen Dingen aufgebaut werden. Welchen Handlungsspielraum soll man den Menschen einräumen? Sind Wahlen, zu denen die Bürger nicht gehen müssen, noch identitätsstiftend? „Also, ich hab kein Problem, dass man die Menschen wieder ein bisserl mehr zwingt“, sagt zu diesem Thema meine Wenigkeit.
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist blah, blah blah … Eine Stadthälfte wird gespiegelt. Joachim in der Gruppe 1 hatte hier die Idee: Die Mur teilt und hat eine Art Brückenkopffunktion und zwischen der Hauptbrücke, der Annenstraße, dem neuen Bahnhof, der FH und dem UNESCO-Schloss Eggenberg haben wir eine neue Verbindungsachse. Und mit der Spiegelung meint man Folgendes: Auf der linken Seite steht die Uni, auf der rechten kommt die FH hinzu, auf der linken Seite der erste Bezirk mit den Einkaufsstraßen, Sehenswürdigkeiten und den politischen Gremien auf der anderen Seite entstehen im Lend & Gries Kreativagenturen, Ateliers und Studios und der Nikolaiplatz mit dem Wirtschafts- und Kulturressort. Aber auch klar, es wird auch neue Armutsvierteln geben, die von der Spiegelung nicht betroffen sind. Teile von Gösting zum Beispiel. In diesen Vierteln wird der kaum bis wenig assimilierte Teil der ImmigrantInnen leben.
Die Mur ist hier das verbindende Element: Durch die Spiegelung der Stadthälften finden zwangsläufig Anpassungen statt. Ehemalige Gesindebehausungen an der Mur werden heute als Penthäuser hergerichtet, mit Ausblick auf die Mur, dem neuen Wellnessbereich. Wie schon gesagt, die Mur etabliert sich von der Kloake zum Wellnessbereich und eine immer geringere Trennung der Bezirke, werden eine Art einheitliches Bild der inneren Bezirke ergeben. Der Lendwirbel schwappt in den ersten Bezirk über, der erste Bezirk nistet sich in adaptierbare Gegenden im Lend und Gries sich ein, denn die Mur ist keine Berliner Mauer.
Fliegender Wechsel am Nachmittag.
Früher Nachmittag: Durch einen Gruppentausch sollen die Projekte der anderen Gruppe vorangetrieben werden. Es liegt bei aller Freude eine Spannung in der Luft. Schon am Anfang ist eine gewisse Zielorientiertheit spürbar: Die Teilnehmer wissen, in den nächsten drei Stunden gehören Resultate her!
Andi, Johanes und Martin nehmen sich der Mur als Wellnessoase im Jahre 2050 im „Haus Graz“ an. Die primären Bedürfnisse vom Grazer in Sachen Mur werden die sein, die „Natur als Natur“ genießen zu wollen. Gesundheit, Sport und Bewegung wird hier ein großer Stellenwert eingeräumt. Das Anbot von kulinarischen Genüssen an der Mur wird kommen müssen, jedoch alles qualitativ hochwertig. Entspannung wird ein wichtiges Thema werden, zum Beispiel einen Zen-Garten an der Mur, Auszeit nehmen, aber auch der allgemeine Zugang zur Mur soll gewährleistet bleiben, der Grünraum rund um die Mur soll also nicht weiter verbaut werden. Die Mur soll weiterhin ein Fluss sein, der verbindet. Sind ja auch sehr viele Brücken da
„Hier regiert das Ziel und nicht der Weg“, stellt Christian von Anfang an klar. Der Status Quo in Sachen Mur bringt nicht viel, weil es hier immer pro und contra gibt, aber sich so durch eine Pattstellung halt nix weiterbewegt. Die Mur muss zum Design Fluss werden, zum „River of Design“. Soll durchaus ein bisschen provokant klingen, ist es aber nicht. Es soll eine qualitativ hochwertige Möglichkeit sein, den Titel „City of Design“ mit etwas Lebendigem anzufüllen und so am Leben zu erhalten. Laut Christian ist es der Versuch, „formal, funktional und ästhetisch Maßstäbe zu setzen. Ökologisch und ökonomisch durchdacht, soll es eine Art Servicedesign sein.“ Design = Kreativität = Identität.
Und wie verändert sich der Fluss? Ein Fluss mit einer eigenen Farbe soll es werden, das „Mur-Grün“ sowie einer adäquaten Ufergestaltung. Das „Mur-Grün“ muss bald mal in jedem Jolly-Farbkasten die Dunkelgrün ersetzen. Das wäre jetzt einmal der Rahmen, aber warum eigentlich? „Die Gedanken müssen sich etwas unterordnen. Eine Stadt zu ändern ist zu viel verlangt, aber beim Fluss die Qualität anzuheben, ist viel konkreter.“ Ein Proponenten-Komitee soll helfen, die richtigen Einfälle zuzulassen, also weg von selbstsüchtigen Einfällen, hin zu „gemein-design-nützlichen“ Höchstleistungen. Über die „Allianz der Liebenden“ zum Fluss zu kommen, fällt Tammo dazu noch ein.
Christian sagt, dass die Mur zu etwas weltweit Einzigartigem gemacht werden muss, „im Idealfall muss man die Mur nicht kennen um sie zu lieben.“
Wa.
A Wordgarden of Ideas.
Am frühen Nachmittag war das große Ideenfinden angesagt. Es setzen sich alle immer wieder neu durchgemischt jeweils zu zweit an einen Tisch, während ich von Tisch zu Tisch sprang und die Ideen notierte. Vielleicht noch das Motto zum Design Thinking Nachmittag: Das Leben ist kein Ponyhof, aber eine Sandkiste, denn wirklich eine jede Idee ist erlaubt und „Geht net, gibt’s net!“
Christian & Joachim und die Auflösung des 1. Bezirks: „Wir überwinden die Mur als Grenze der Identität, die Innere Stadt (1. Bezirk) wird aufgelöst und unter den ersten vier Bezirken aufgeteilt. Dass die neugestalteten Bezirke über die Mur hinweg gehen, sei sehr erwünscht! Lendwirbel auch in der Inneren Stadt!“
Andi & Alex über etwas was mal Angst machte und heute ein großes Kribbeln bereiten könnte: „Wasser muss über die Brücken rinnen! Künstliche Überschwemmungen – alles möglichst unkontrolliert kontrolliert.“
Andreas & Martin hätten da ein Pendant zum Donaukanal im Anbot: „Wir müssen den Mühlgang in all seiner Pracht neu entdecken. Der zieht sich ja auch durch die ganze Stadt. Als „Murkanal“ hätte er bereits mehr Persönlichkeit.“
Joachim & Christian wollen die Lebensadern der Stadt freilegen: „Wir müssen alle Wasserläufe öffnen und begehbar machen. Es läuft ja alles Wasser zur Mur. Das Bewusstsein schafft man aber nur, wenn man das sieht.“
Tammo & Christian denken an die Weitläufigkeit der Mur: „Der Mur-Gedanke gehört expandiert! Die Grazer haben ein nicht ganz entwickeltes Mur-Bewusstsein. Da gehören schon ab der Volksschule viele Ausflüge her.“
Alex & Joachim denken an den Winter, wo die Mur gleich noch weniger Mur ist: „Wir müssen Flächen & Raum schaffen! Ein Eislaufplatz bei der Erzherzog-Johann-Brücke wäre attraktiv!“ (Da hätten die Leut‘ dann was zum Glotzen!).
Andi & Martin denken an neue Kulturlandschaften an Orten wo genau das sehr spannend wäre: „Ein Klein-Venedig am Mühlgang, in der Höhe der Taggerwerke bis zum Zusammenfluss von Mühlgang und Mur.“
Andreas & Johannes, wollen’s mal genau wissen, Zahlen und Fakten gehören auf den Tisch, nach Möglichkeit eine unabhängige Studie: „Eine Gesamtenergierechnung muss gemacht werden. Wie viel Strom bringt ein Kraftwerk, wie viel Geld wird investiert, was wird wieder eingenommen. Könnte man das Geld nicht auch in Energiesparmaßnahmen investieren?“
Home is, where mei Mur is.
Christian & Axel denken an die Kraft der Symbole und des Volkes: „In einer Volksabstimmung soll entschieden werden, ob die Mur den Artikel wechselt. „Der Mur“, klingt ja auch nach was und rüttelt wach. Durch Symbole ist eine Einigkeit herzustellen. „Mei Mur!“ Plötzlich fahren dann Verschiedene mit unterschiedlicher Meinung auf dem selben Dampfer.“
Joachim und Hannes machen’s kurz und heftig: „Murgrotte statt Lurgrotte!“
Andreas & Andi verbinden eine Idee mit Recycling-Gedanken: „Eine gespiegelte Mur-Promenade mit den „übriggebliebenen“ Spiegeln aus dem Kulturjahr 2003, das müsste doch machbar sein.“
Tammo & Martin denken nicht an Rheingold, dafür an hochkarätige Murnockerln: „Wir müssen die Wertigkeitsdiskussion in Sachen Mur ankurbeln. Hat man nicht gestern in der Mur Gold gefunden?“
Axel & Christian denken radikal, über die Nachhaltigkeit ihrer muss man sich aber keine Gedanken machen: „Also, wir schütten die Mur zu, vom Norden weg, durch Graz. Die Mur ist in Graz dann verschwunden, und zwar restlos! Alle Hinweise werden gestrichen und die Dokumente die an sie erinnern, vernichtet! Ins Murbett kommt dann eine großzügige Freizeitanlage, die zweite grüne Lunge in der Stadt.“
Tammo & Johann & Andreas versuchens mal zu dritt: „Wir müssen die Mur von der Bevölkerung durch LED-Wände vollkommen wegsperren. Auf den LED-Wänden wird dann gezeigt, was auf der Mur passiert, nämlich gar nix – maximal ein Vogerl fliegt durch.“
Axel & Martin schenken dem Kalvarienberg und dem Schlossberg einen kleinen Bruder und einiges mehr: „Einen riesigen Felsen, doppelt so groß wie die Murinsel ins Zentrum klatschen! Leuchttürme, Möwen im Zeichen der Erderwärmung und ein „Wilden Kanal“, das wär was! Die Mur grün, der Kanal rot!“ Zum Thema Geruchsentwicklung am Canal de Mur fällt uns sicher auch noch was ein
Joachim & Andi bauen auf Wasser, aber massiv: „Ein Luftschloss. Das ist ein offener Veranstaltungsraum auf drei Ebenen und beginnt auf Straßenniveau!“




















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